Langsam setzt sich die Ökonomie der Cloud auch in Deutschland durch. Und das wird höchste Zeit, weiß Frank Maenz, SMB Sales Lead von Microsoft Azure. Der globale Vergleich offenbart zahlreiche Hindernisse in der Digitalisierungsentwicklung im deutschen Mittelstand. Warum sich kleine und mittlere Unternehmen vom Server im Keller verabschieden und mehr auf Ökonomien der Partnerschaften setzen sollten, zeigt der fünfte Teil der Expertenreihe „Globale Tech-Trends im Mittelstand“.

Cloud-Computing ist in der Unternehmenswelt der USA und Australien seit Jahren Mainstream. Auch in Europa setzt sich die Cloud vermehrt durch. Als wesentlicher Treiber erwies sich zuletzt insbesondere die Corona-Pandemie, durch die immer mehr Unternehmen ihre Cloud-Nutzung ausgeweitet haben. Davon profitieren internationale Cloud-Computing-Anbieter wie Microsoft Azure, Amazon Web Services und Google Cloud.

Frank Maenz, Sales Lead für KMU bei Microsoft Azure, war zu Gast beim lexbizz Global Tech Roundtable, bei dem Tech-Expert:innen führender ERP- und Cloud-Computing-Anbieter aus den USA, Australien, Frankreich und Deutschland globale Tech-Trends für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) diskutierten.

Hier im Interview zeigt er auf, wie unterschiedlich Unternehmen im angelsächsischen Raum und in Europa mit der Cloud umgehen. Und warum er trotzdem glaubt, dass der Siegeszug von Cloud-Technologien auch bei deutschen KMU nicht mehr aufzuhalten ist.

lexbizz: Frank, du arbeitest bei Microsoft Azure und vertreibst die Cloud-Infrastruktur für kleine und mittlere Unternehmen. Dadurch hast du täglich Einblicke in die Unternehmenswelt von KMU. Wie Cloud-affin sind deutsche Unternehmen?

Grundsätzlich freue ich mich festzustellen, dass das Bewusstsein für die betriebswirtschaftlichen Vorteile der Cloud auch bei kleinen und mittleren Unternehmen langsam wächst. Im globalen Vergleich hinken kleine und mittlere Unternehmen jedoch noch immer hinterher. Interessanterweise verhalten sich deutsche KMU dabei paradox, denn oft zögern sie noch, ihre kritischen Kerngeschäftsprozesse in die Cloud zu heben, ihren Vertrieb hingegen managen sie aber mit Cloud-basierten CRM-Tools und ihr alltägliches Miteinander mit Bots und Chat-Gruppen in der Cloud. Bedenken, diese wichtigen Kunden- und Mitarbeiterdaten in externen Cloud-Zentren zu speichern, hegen sie dabei nicht. Die Kluft zwischen bewusster Entscheidung und unbewusster Nutzung von Cloud-Diensten klafft hier also deutlich auseinander.

Auch sind KMU deutlich konservativer als Großunternehmen, wenn es darum geht, Technologien bewusst einzusetzen. Im Unterschied zu Großkonzernen fehlt es ihnen an der Cloud- und IT-Kompetenz. Großunternehmen haben IT-Abteilungen, die sich mit Technologien und Cloud-Tech gut auskennen. Der strategische wie finanzielle Return on Investment von Cloud-Technologien ist dort bereits seit Jahren spürbar. Wenn sich auch kleinere und mittlere Unternehmen stärker mit Technologie als strategischer Komponente auseinandersetzen würden, würden sie auch den Mehrwert erkennen. Sie sind aufgrund ihrer Größe und Schlankheit prädestiniert dafür, schneller die Technologien zu adaptieren als Großkonzerne.

lexbizz: Wo siehst du noch immer die größten Hürden für den Wechsel in die Cloud?

In den letzten Jahren haben sich einige Denkmuster eingeschlichen, die Auslöser für die Cloud-Skepsis waren – und die sich teilweise heute noch halten: Zum einen war Cloud-Technologie als Buzzword verschrien und mit negativen Assoziationen belegt. Wir alle kennen die Vorurteile von der unsicheren Cloud, aus der Daten den europäischen oder garantiert den deutschen Wirtschaftsraum verlassen würden; dass die Cloud teurer sei und man bei all den verschiedenen Cloud-Diensten die Kontrolle im Unternehmen verliere. Es herrscht immer noch Aufklärungsbedarf!

Darüber hinaus hat der deutsche Mittelstand ein Entscheider-Problem. In den USA und auch in Australien spielt die IT eine wichtige Rolle bei der Erschließung neuer Geschäftsmöglichkeiten. Dort sind Unternehmen viel offener gegenüber Innovationen im Produkt- und Servicebereich. In Deutschland hingegen wird IT nicht als strategisches Thema wahrgenommen, sondern ist von der Geschäftsführung durch IT-Abteilungen oder externe Partner isoliert. So kann IT keine Schlüsselrolle bei der Produkt- und Kundenbetreuung oder der strategischen Planung der Geschäftsführenden einnehmen.

Außerdem sehen wir immer wieder, dass eine anhaltende Cloud-Skepsis der beratenden Softwarepartner den Wechsel in die Cloud bremst. Denn kleine Unternehmen verlassen sich bei der strategischen Bewertung und Implementierung von Software und Technologien häufig auf die Empfehlungen externer IT-Partner. Deren Geschäftsmodell basierte Jahrzehnte lang auf dem Verkauf von Software und Hardware, dem Deployment, der Installierung, der Wartung. Dieses Geschäftsmodell wird durch die Cloud-Technologie bedroht, denn diese Aspekte übernimmt der Cloud-Anbieter. Viele Partner haben den Mehrwert von Cloud-Technologien schon verstanden, zögern aber mit der Empfehlung, da sie ihr lange Zeit stabiles Geschäftsmodell aufgeben oder ändern müssten. Und damit tun sich viele schwer. Aber auch hier sehen wir glücklicherweise eine langsame Veränderungsbewegung.

lexbizz: Als internationaler Cloud-Computing-Anbieter kennt Microsoft viele Märkte sehr gut. Welche Unterschiede nimmst du zwischen den USA und Australien auf der einen und Deutschland und Frankreich auf der anderen Seite wahr, wenn es um die Einführung von Cloud-Technologien geht?

In der Tat lässt sich sagen, dass die Unternehmenswelt in den USA und Australien Cloud-Technologien sehr offen begegnet, während die Unternehmen in Deutschland eher skeptisch sind. Ich sehe drei große Unterschiede:

In Deutschland herrschen ein größeres Sicherheitsbewusstsein und Gespür für Datensensibilität als in anderen Märkten. Mittelständische Geschäftsführende besitzen ihre Soft- und Hardware lieber, anstatt sie nach dem Software-as-a-Service-Modell zu mieten oder zu leihen. Viele schaffen sich einen Server und eine Infrastruktur für 30.000 Euro an, zahlen auch regelmäßig für die Updates und Wartung, aber am Ende gehört die Infrastruktur dann ihnen. Es herrscht eine Skepsis davor, den Besitzstand an Daten zu verlieren.

In Deutschland herrscht außerdem ein konservativeres Investitionsverhalten als in den angelsächsischen Regionen. Das war bis vor der Corona-Krise auch in den letzten Jahren so: Die deutschen Unternehmen haben Investitionen in die Modernisierung ihrer IT bewusst zurückgehalten. Das liegt auch sicher an der guten Konjunktur in Deutschland. Unternehmen in anderen Märkten, auch innerhalb Europas, z.B. Spanien und Italien, ging es wirtschaftlich weniger gut. Diese setzten schon früher auf Cloud-Technologien, um zukunftsfähig zu bleiben.

Und schlussendlich sind Amerika und Australien in Sachen Cloud- & Technologie-Adaption weiter, da sie per se offener für Neues sind. Es herrscht der Drang, Vorreiter zu sein und dafür den Nutzen neuer Technologien zu erproben, vielleicht auch mal zu scheitern. Das ist in Deutschland anders. Ehe deutsche Unternehmen investieren, werden die Lösungen genaustens durchleuchtet, wird nach Wettbewerbsvergleichen, Referenzen und ROI-Kalkulationen gefragt. Erst dann vertrauen sie in eine Lösung. Natürlich ist Due-Diligence wichtig und gut, doch sie darf nicht zum Hemmnis werden.

lexbizz: Microsoft Azure muss den unterschiedlichen Anforderungen an Datensicherheit und Compliance in aller Welt gerecht werden. Wie nimmst du die Einstellung des deutschen Mittelstands zur Datensicherheit wahr?

Das Vertrauen in die Sicherheit der Daten beruht in Deutschland auf dem Sicht- und Greifbaren: Der Server im Keller vermittelt den Eindruck, dass die Daten sicher und kontrollierbar sind. Ganz anders als das externe Rechenzentrum, das ich nie gesehen habe und vielleicht nie sehen werde.

Dieses Beharren auf Besitztum ist im globalen Vergleich einzigartig, denn in den USA und Australien herrscht ein größerer Pragmatismus – und die Erkenntnis, dass die Rechenzentren großer Cloud-Anbieter viel sicherer sind als die Server im Keller. Der ganze Komplex Cybersecurity hat sich verändert, nicht nur durch Corona. Die wachsenden Gefahren im Netz und die steigenden gesetzlichen Anforderungen wie DSGVO stellen hohe Standards und Anforderungen an Datenschutz und -sicherheit, die kleine und mittlere Unternehmen kaum mehr selbst erfüllen können.

Doch auch hier sehen wir ein Umdenken: KMU sind sich zunehmend bewusst, dass die Cloud ihre Datensicherheit verbessern kann. Microsoft als globaler Cloud-Anbieter investiert Milliarden in den Schutz und Ausbau sicherer Infrastrukturen, beschäftigt Tausende IT- und Cybersecurity-Spezialisten und kann prädiktive Sicherheit bieten, mit denen wir globale Datenangriffe erkennen und vorhersagen können. Durch Warnsysteme in den Cloud-Produkten und -Infrastrukturen geben wir diese Standards an unsere Kundschaft weiter. Unternehmen mit isolierten On-Premise-Servern haben keinen Zugang zu solchen globalen Warnsystemen und sind Cyberangriffen somit stärker ausgesetzt.

lexbizz: Die Corona-Pandemie hat die Nutzung Cloud-basierter Lösungen in Unternehmen beschleunigt. Glaubst du, dass dieser krisenbedingte Anstieg anhält und sich auch auf kritische Geschäftsprozesse ausweitet?

In der Tat glaube ich, dass der pandemiebedingte Shift in die Cloud nachhaltig sein wird. Denn KMU erkennen, welche Last von ihnen abfällt, wenn sie sich nicht mehr um ihre Server und ihre Speicherkapazitäten kümmern müssen. Einmal angeschaffte Servermaschinen können auch ein Gefängnis sein, weil sich die Speicherkapazitäten nicht so einfach hoch- oder runterskalieren lassen. Unternehmen müssen mit der Hardware und deren Kapazitäten leben, den Bestand managen oder teuer erweitern. Oder sie zahlen permanent zu viel, weil die angeschafften Kapazitäten zu groß waren für den tatsächlichen Verbrauch.

Wir sehen, dass immer mehr Unternehmen auf die schlanken Cloud-Services setzen, die sie kontinuierlich hoch- oder runterskalieren können und dabei Kosten sparen. In unserem Cloud-ERP-Portfolio (MS Dynamics 365) sehen wir nach einer krisenbedingten Investitionsverzögerung nun einen Aufschwung. Auch unser Microsoft Partnernetzwerk ist agiler geworden. Durch die Krise wollen immer mehr Unternehmen nicht mehr nur ihre Arbeitsplatzlösungen erneuern, sondern mit uns auch den Infrastrukturkern anpacken und in die Cloud wechseln. Und sind ganz überrascht, welche geschäftsinnovierenden Möglichkeiten wir ihnen durch die Cloud-Infrastruktur bieten.

lexbizz: Das ist ein gutes Stichwort. Du sprachst zuvor davon, dass KMU in Sachen Strategie- und IT-Beratung viel auf Externe hören. Welche Bedeutung misst du Software- und Cloud-Computing-Partnern bei der Digitalen Transformation und der Innovation von Geschäftsmodellen bei?

Wenn wir auf die geschäftsmodellinnovierende Nutzung der Möglichkeiten digitaler Technologien schauen, braucht es noch ein Umdenken bei kleinen und mittleren Unternehmen. Denn viele machen es sich schwerer als sie müssten, indem sie nach dem Motto handeln: „Selber machen statt beziehen“. Anstatt auf die Cloud- und KI-Services von großen Anbietern zu setzen und diese in ihr Produkte einzubinden, versuchen sie vergeblich, IT-Spezialisten zu rekrutieren und Anwendungen teuer und aufwändig selbst zu programmieren. KMU vergeben immense Wettbewerbschancen, weil sie Innovation als Kernkompetenz bei sich verorten wollen – es ihnen aber an Budget, an Entwicklern, an Knowhow fehlt.

Ich erzähle gerne die Geschichte eines Kunden, einem mittelständischen Hersteller von Park- und Schanksystemen. Um seine Parkservices nach Autogröße abzurechnen, wollte das Unternehmen eine KI-basierte Mustererkennung nutzen. Ein kleines Auto zahlt weniger, ein großes Auto eine höhere Gebühr. Über Monate hinweg hat das Unternehmen vergeblich versucht, Spezialisten für das Projekt zu finden, um den Algorithmus selbst zu programmieren. Weil sie nicht weiterkamen, haben sie sich dann an Microsoft gewandt. Nach zwei Tagen hatten sie einen funktionierenden Dummy mit kognitiven und KI-Diensten von Microsoft, den sie verproben konnten. So konnten wir diesem mittelständischen Unternehmen helfen, seine Services besser zu innovieren, als es selbst dazu in der Lage gewesen wäre. Der unbedingte Wille, Innovation als Kernkompetenz bei sich zu verorten, kann auch hemmen.

lexbizz: Microsoft versteht sich also als Innovationspartner?

Richtig. Wir als Microsoft wollen es KMU ermöglichen, neue Technologien mit schnellen Entwicklungszyklen zu nutzen: Wir bieten KI- und ML-Dienste über unsere Cloud-Plattformen an, z. B. Azure Machine Learning, Cognitive Services und Bot Services.

Unternehmen können diese Dienste nutzen, um ihre Geschäftsmodelle dezentral zu innovieren, ohne dass sie eine Belegschaft aus hochqualifizierten Entwicklern und Technologieexperten aufbauen müssen. Sie schicken uns ihre Entwickler und teilweise sogar ihre Geschäftsinhaber und Abteilungsleiter, damit wir sie darin schulen, ihre Systeme schnell an neue Marktanforderungen anzupassen. Deshalb ist es so wichtig, dass auch KMU Cloud-Systeme und -Tools einsetzen, die hochgradig anpassungsfähig sind, etwa über Now-Code und Low-Code.

lexbizz: Der Mittelstand ist aufgebrochen in Richtung Cloud. Was rätst du all jenen Geschäftsführenden kleinerer und mittlerer Unternehmen, die noch immer zögern?

Seien Sie pragmatisch! Und beginnen Sie bei Ihrem Softwarepartner. Wenn Sie sich für ihre Kerninfrastruktur und Produktentwicklung auf externe Partner verlassen und dieser in den letzten zehn Jahren nicht mit Ihnen über die Chancen der Cloud, sondern nur über potenzielle Risiken gesprochen hat – dann rate ich Ihnen: Machen Sie sich auf die Suche nach einem anderen Partner!

Es ist frustrierend zu sehen, wie Softwareberater veralte Serverinfrastrukturen verkaufen und Entwickler:innen darin schulen, ihren eigenen Code zu schreiben. In der Zwischenzeit könnten Unternehmen mit Cloud-Servern weit voraus und effizienter sein! Mein Plädoyer: Suchen Sie den richtigen Partner, denn die Möglichkeiten, die in der Cloud und in einem modernen und fortschrittlichen Partner liegen, sind enorm!

lexbizz: Vielen Dank, Frank, für diese erhellenden Einblicke!