Im Zuge der Corona-Krise erwarten Experten eine Insolvenzwelle bisher unbekannten Ausmaßes in Deutschland. Die Befürchtungen nehmen angesichts der steigenden Corona-Zahlen und möglicherweise erneut angeordneten Kontaktbeschränkungen zu. Erfahren Sie in diesem Artikel, wieso auch gesunde Unternehmen handeln müssen – und wie. Die wichtigsten Fördermöglichkeiten und Handlungsempfehlungen haben wir hier für Sie zusammengestellt.

Eine Flutwelle ist lange Zeit unsichtbar. Sie baut sich langsam am Meeresgrund auf. Wenn sie sich dann zeigt, ist es ohne Frühwarnsystem oft schon zu spät. So könnte es auch mit der Welle sein, die nach der ersten und zweiten Corona-Hochphase auf uns zurollt und hunderte durch die Pandemie in Schieflage geratene Unternehmen in Bedrängnis zu bringen droht.

Liquiditätsengpässe bei 40 Prozent der Unternehmen

Im Sommer war die Stimmung noch besser als die reale wirtschaftliche Lage. Doch schon seit geraumer Zeit kündigt sich eine Pleitewelle an, die gerade angesichts der sich zuspitzenden Corona-Entwicklungen und möglichen Kontaktbeschränkungen an Brisanz gewinnt. Zum Jahresende wird die Insolvenzlage klarer sein, denn dann endet die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für durch Corona in Schieflage geratene Unternehmen.

Umfragen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags stützen die Prognosen zur Insolvenzwelle: 40 Prozent der Unternehmen sehen Liquiditätsengpässe. Die Hälfte der Unternehmen berichtet von schwindendem Eigenkapital in Folge starker Verluste und geht davon aus, dass sich die Geschäftslage erst 2021 oder sogar noch später wieder spürbar bessert. Ganze 10 Prozent der Unternehmen sahen sich schon im Sommer von einer Insolvenz bedroht.

Gerade für kleinere und mittelgroße Unternehmen gilt es nun, die eigene Liquidität zu sichern und Engpässe zu umschiffen, um ihre Existenz zu sichern. Auch noch gesunde Unternehmen sollten daher achtsam sein und sich genau über die wirtschaftliche Lage ihrer Partner sowie über Fördermöglichkeiten informieren.

Aussetzung der Insolvenzantragspflicht

Im Zuge der Corona-Krise hatte der Staat die Insolvenzantragspflicht für in Schieflage geratene Unternehmen zunächst bis zum 30. September ausgesetzt. Diese Maßnahme sollte Unternehmern etwas Luft verschaffen und wurde bis zum 31. Dezember 2020 verlängert. Die Verlängerung gilt allerdings nur für überschuldete Unternehmen – akut zahlungsunfähige Firmen müssen schon seit dem 1. Oktober Insolvenz anmelden.

Durch die ausgesetzte Antragspflicht gab es laut statistischem Bundesamt im Juli 2020 16,7 Prozent weniger Unternehmensinsolvenzen als im Vorjahreszeitraum. Dass dies nicht der realen Wirtschaftslage entspricht, dürfte klar sein. Und so rüstet sich auch die Bundesagentur für Arbeit für das Auftreffen der Welle: 1,6 Mrd. Euro seien bereits an Insolvenzgeld für das kommende Jahr eingeplant, also noch einmal 650 Mio. mehr als für das Corona-Jahr 2020.

Handlungsbedarf auch für gesunde Unternehmen

Auch große Ratingagenturen blicken düster in die Zukunft. So rechnet etwa die Agentur Moody’s damit, dass sich der Anteil von sogenannten „Problemkrediten“ bei den meisten europäischen Banken bis 2022 verdoppeln bis verdreifachen könnte. Das bedeutet für KMU, dass es zukünftig schwieriger wird, an benötigte Kredite zu kommen.

Darüber hinaus bedrohen Zahlungsausfälle und weitere Umsatzeinbrüche besonders mittelständische Unternehmen. Mangelnde Liquidität von Kunden, Partnern und Zulieferern ist ein Risiko, das die eigene Zahlungsfähigkeit gefährdet. Unternehmer müssen ihre Finanz- und Liquiditätsplanung noch besser als ohnehin schon im Blick behalten. Um im Worst-Case doch eine staatliche Unterstützung oder eine Zwischenfinanzierung beantragen zu können, muss die Liquiditätsplanung verlässlich dokumentiert sein und eine positive Fortführungsprognose zulassen.

Diese Möglichkeiten zur Sanierung und Existenzsicherung gibt es für KMU

Für KMU gibt es verschiedene Möglichkeiten, ihre Liquidität zu sichern und eine drohende Insolvenz abzuwenden. Auch, wenn schon ein Insolvenzverfahren läuft, gibt es Möglichkeiten die Wende zu schaffen. Das deutsche Insolvenzrecht hat schließlich vorrangig die Sanierung und nicht die Zerschlagung von Unternehmen zum Ziel. Hier finden Sie eine Übersicht möglicher Hilfen:

Überbrückungshilfe

Die „Corona-Überbrückungshilfe für kleine und mittelständische Unternehmen“ wurde bis zum Jahresende verlängert. In diesem Zuge wurden die Zugangsbedingungen abgesenkt und die Förderung ausgeweitet. Die Überbrückungshilfe unterstützt KMU, Kleinunternehmen sowie Soloselbstständige und Freiberufler mit Zuschüssen zu den betrieblichen Fixkosten. Die Förderung von bis zu 200.000 Euro muss nicht zurückgezahlt werden. DPA-Informationen zufolge sollen die laufenden Überbrückungshilfen für Unternehmen bis zum 30. Juni 2021 verlängert werden.

Wichtig: Anträge können über ein Portal des BMWi gestellt werden – allerdings nur durch einen vom berechtigten Unternehmen beauftragen „prüfenden Dritten“. Hierzu gehören Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, vereidigte Buchprüfer oder steuerberatende Rechtsanwälte.

KfW-Kredite

Im Zuge der Pandemie wurde der Zugang zu Krediten der KfW erleichtert. Der „KfW-Schnellkredit 2020“ richtet sich an Unternehmen mit mehr als 10 Mitarbeitern. Der Staat übernimmt hier 100 Prozent der Kreditrisiken, so dass keine eigene Bewertung der Hausbank mehr notwendig ist.

Der Kredit wird bis zu einer Höhe von 800.000 Euro vergeben. Er kann für Anschaffungen ebenso wie für die Bedienung laufender Kosten genutzt werden. Bei einem Zinssatz von 3 Prozent hat der Kredit eine Laufzeit von 10 Jahren. Die ersten zwei Jahre sind tilgungsfrei.

Kurzarbeitergeld

Der Zugang zu Kurzarbeitergeld wurde bedingt durch die Corona-Krise erleichtert. Unternehmen können einen Antrag darauf bei der Agentur für Arbeit stellen, sobald 10 Prozent der Beschäftigten von einem temporären Arbeitsausfall betroffen sind.

Corona-Schutzschirmverfahren

Im Gesetz zur erleichterten Sanierung von Unternehmen (ESUG) ist bereits ein Verfahren vorgesehen, dass ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung erlaubt. Dieses ist bislang nur für Unternehmen eine Option, die lediglich überschuldet oder drohend zahlungsunfähig waren. Als „Corona-Schutzschirmverfahren“ ist aktuell jedoch eine Anpassung im Gespräch, die das Verfahren auch für zahlungsunfähige Unternehmen öffnet. Diesen muss dann vor der Antragstellung durch einen Steuerberater, Rechtsanwalt oder Wirtschaftsprüfer bescheinigt werden, dass es grundsätzlich sanierungsfähig und fortführungswürdig ist.

Für den Zeitraum von drei Monaten wird Insolvenzgeld gezahlt. Im gleichen Zeitraum werden auch keine Sozialabgaben und Umsatzsteuerzahllasten abgeführt. Nach diesen drei Monaten mündet das Schutzschirmverfahren in ein Eigenverwaltungsverfahren und die Umsetzung des Sanierungsplans beginnt.

Fördermaßnahmen der Länder

Für bestimmte Branchen haben die Bundesländer eigene Fördermöglichkeiten eingerichtet. Zum Teil sind diese sehr speziell – zum Beispiel für den Erwerb von Schutzscheiben für Linienbusse in Baden-Württemberg. Weitere Informationen finden sie auf den Seiten der einzelnen Länder:

Geplant: Präventive Sanierung als Alternative zum Insolvenzverfahren

Aktuell liegt ein Gesetzentwurf für eine präventive Sanierung vor. Durch dieses Modell sollen Unternehmen mit einer positiven Fortbestehensprognose ihr Sanierungskonzept künftig auch außerhalb eines Insolvenzverfahrens durchsetzen können. Das Instrument soll ab Anfang 2021 zur Verfügung stehen.

Bis Ende Juli 2021 soll außerdem die EU-Restrukturierungsrichtlinie umgesetzt werden. Diese sieht ein schlankeres Insolvenzverfahren und Möglichkeiten der Sanierung außerhalb einer Insolvenz vor. Verbände wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag fordern eine schnellere Umsetzung der Richtlinie, da sie sich davon eine Entlastung für Unternehmen versprechen.

Verlässliche und transparente Liquiditätsplanung ist gerade in Krisenzeiten entscheidend. Ein ERP-System dient als Frühwarnsystem für Ihr Unternehmen. Sie behalten damit sämtliche Zahlungsflüsse im Blick und können früher auf negative Veränderungen reagieren.

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